Stuttgarter Zeitung: Ärzte fehlen

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Aus der Stuttgarter Zeitung vom 4. März 2020

Warum es in Baden-Württemberg immer weniger Mediziner gibt, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

Von Regine Warth und Hanna Spanhel

Erst tags zuvor saß eine Klientin in der Stuttgarter Beratungsstelle von Pro Familia: eine Mutter von zwei Kindern – das eine in der Grundschule, das andere in der Kita. Sie selbst hat nach langer Arbeitssuche wieder einen Job in Teilzeit bekommen. „Jetzt ist sie wieder schwanger geworden, ungewollt – und weiß nicht, wie sie sich noch um ein drittes Kind kümmern soll“, erzählt die Sozialarbeiterin Antje Teborg. Als die Frau ihren Frauenarzt auf die Möglichkeit einer Abtreibung ansprach, habe der ihr nicht geholfen. „Stattdessen wurde ihr gesagt: So etwas mache er nicht!“

Tatsächlich führen immer weniger Mediziner die Eingriffe durch – nicht nur in Baden-Württemberg, sondern bundesweit. Ihre Zahl ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 2003 bis 2018 um rund 40 Prozent gesunken, die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche dagegen ist in diesem Zeitraum um nur 21 Prozent zurückgegangen. Im Jahr 2019 gab es demnach bundesweit 101 000 Abtreibungen, nahezu ebenso viele wie im Vorjahr.

In Stuttgart sei die Versorgung zwar noch einigermaßen gut, sagt die Leiterin der Pro-Familia-Geschäftsstelle in der Landeshauptstadt, Marion Janke. So gebe es noch drei Ärzte, die zumindest ein paar Termine anbieten, um den Eingriff vorzunehmen. Auch können Frauen in eine Praxis ins Umland der Landeshauptstadt verwiesen werden, die sich auf Schwangerschaftsabbrüche spezialisiert hat. „Aber wenn Frauen aus dem Schwarzwald oder Donau-Alb-Kreis Hilfe benötigen, dann müssen sie lange nach einem Arzt suchen“, sagt Janke. „Im Vergleich zur Situation von vor zehn Jahren gibt es deutlich weniger Möglichkeiten, und die Lage wird sich verschärfen, weil viele ältere Ärzte in den Ruhestand gehen.“

Wie angespannt die Situation ist, merkt auch eine Frauenärztin mit eigener Praxis im Süden Baden-Württembergs. Weil sie eine der wenigen Ärztinnen in ihrer Region ist, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt, kommen Patientinnen aus dem Schwarzwald oder der Bodensee-Region zu ihr – und nehmen dafür mitunter weite Strecken auf sich. „Manche haben kein Auto, müssen dann ein Taxi nehmen“, sagt die Ärztin. „Das ist nicht schön nach so einer Operation.“ Zumal auch die Seele unter einem solchen Eingriff leidet: „So ein Abbruch ist ja für niemanden leicht.“ Heute führt sie in ihrer Praxis etwa einmal die Woche einen Schwangerschaftsabbruch durch. Weil sie selbst davon überzeugt ist, dass Frauen die Entscheidung über diesen Eingriff selbstbestimmt treffen. Und weil sie es wichtig findet, dass ihnen in ihrer Notlage geholfen wird.

Einen vollständigen Überblick darüber, wie viel Ärzte in Deutschland an welchen Orten Schwangerschaftsabbrüche durchführen, gibt es nicht. Dabei sind klare, gesetzliche Vorgaben durchaus vorhanden. Laut dem Schwangerschaftskonfliktgesetz müssen die Bundesländer ein ausreichendes Angebot an Praxen und Kliniken für Schwangerschaftsabbrüche sicherstellen. Der Bundestag hat unlängst ein Gesetz „zur Verbesserung der Information über einen Schwangerschaftsabbruch“ beschlossen, das im vergangenen Frühjahr in Kraft getreten ist. Doch valide Daten über die Versorgungsdichte von Ärzten, die Abtreibungen vornehmen, liegen nur für rund die Hälfte der Bundesländer vor – in Baden-Württemberg werden die Daten nicht offiziell erfasst. Laut einer aktuellen Übersicht von Pro Familia mit Daten von Ende 2018 sind es noch etwa 72 Mediziner im Land, in 14 der 44 Stadt- und Landkreise allerdings niemand.

Markus Haist, Vorstandsmitglied der Landesärztekammer und Landesvorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte, ist das durchaus bewusst: „Schwangerschaftsabbrüche sind immer noch ein gesellschaftliches Tabuthema“, sagt der niedergelassene Frauenarzt in Pforzheim. Zwar ist es gesetzlich erlaubt, einen Abbruch vorzunehmen. Jedenfalls dann, wenn er innerhalb der ersten zwölf Wochen nach Empfängnis durchgeführt wird und sich die Frau zuvor bei einer anerkannten Beratungsstelle informiert. „Doch der öffentliche Druck ist nicht zu verachten“, sagt Haist und verweist auf Abtreibungsgegner wie die sogenannten Lebensschützer. Diese nutzen unter anderem das Strafrecht, um Ärzte anzuzeigen – etwa wenn diese trotz des geltenden Verbots auf ihren Internetseiten oder in ihren Praxen darüber informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Erst im Oktober 2019 hat das Landgericht Gießen die Verurteilung der Fachärztin für Allgemeinmedizin Kristina Hänel wegen verbotener Werbung für Abtreibungen bestätigt und die Medizinerin zu einer Geldstrafe von 2500 Euro verurteilt.

Auch die Frauenärztin spürt diesen öffentlichen Druck. „Ich werde schon oft mies angeguckt, auch von anderen Ärzten. Da wird man in eine Schmuddelecke gestellt.“ Dabei macht auch sie es sich nicht leicht mit den Eingriffen: „Als Ärztin will man eigentlich Leben erhalten.“ Gleichzeitig beobachte sie, dass auch keine ihrer Patientinnen die Entscheidung gegen ein Kind leichtfertig treffe.

Neben dem moralischen Druck gibt es aber auch wirtschaftliche Gründe, warum niedergelassene Frauenärzte Schwangerschaftsabbrüche als Leistung nicht anbieten: „Es ist ein hoher finanzieller Aufwand“, sagt Haist. Für die ambulante Operation braucht es geeignete Räumlichkeiten, zudem sind die Vorgaben in Sachen Hygiene, Medizinprodukte und Personalmanagement gestiegen. Das bestätigt auch die niedergelassene Frauenärztin. Zudem merkt sie an: „Die Honorare für Abbrüche wurden seit 2009 im Gegensatz zu sämtlichen anderen Vergütungen nicht mehr angepasst.“ Das sei unverschämt. Über eine Erhöhung werde derzeit verhandelt.

Markus Haist wünscht sich auch in anderer Hinsicht eine bessere und umfassendere Unterstützung seitens der Landesregierung: „Es braucht eine Verbesserung der Rahmenbedingungen.“ Vorstellbar wäre für ihn beispielsweise ein kommunal geführtes OP-Zentrum, ein geschützter Raum, in dem Frauenärzte abwechselnd solche Eingriffe vornehmen könnten. Wenn es nach Pro Familia geht, sollten zudem die Krankenhäuser in die Pflicht genommen werden. „Wichtig ist, dass sich bald was ändert“, sagt Marion Janke. „Ansonsten befürchten wir, dass viele Frauen nicht nur in eine seelische, sondern auch in eine medizinische Notlage geraten.“

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