Hannoversche Allgemeine: Der eigene Körper und die Freiheit

Screenshot Hannoversche Allgemeine

Kristina Hänel präsentiert ihr Buch „Das Politische ist persönlich. Tagebuch einer ‚Abtreibungsärztin'“

Von Thomas Kaestle, in der Hannoverschen Allgemeinen vom 16. Oktober 2019

Es kommt nicht oft vor, dass Joachim Otte als Gastgeber des Literarischen Salons bereits in seiner Begrüßung Stellung zu einem Thema bezieht. Bei Kristina Hänel, die mit ihrem im April erschienenen Buch „Das Politische ist persönlich. Tagebuch einer ,Abtreibungsärztin“ zu Gast ist, ist es ihm ein Anliegen, sich zu bekennen. Er erzählt die Geschichte einer Bekannten, die bei ihrer Abtreibung in einem Hinterhof landete, in einer Praxis ohne Namen auf dem Klingelschild, in der nur Barzahlung möglich war, „Ich Ignorant hatte bis dato Abtreibung für eine normale medizinische Prozedur gehalten“, sagt Otte.

Hänel geriet ins öffentliche Interesse, als sie im November 2017 vom Amtsgericht Gießen wegen „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft gemäß Paragraf 219a des Strafgesetzbuches verurteilt wurde — weil sie solche Eingriffe im Internet als Teil ihrer Leistungen als Hausärztin aufgelistet hatte.

Zwar ist das Urteil aktuell wieder aufgehoben. Doch Hänel wurde in den vergangenen zwei Jahren zu einer Wortführerin gegen den umstrittenen Paragraf en aus dem Jahr 1933. Meredith Haaf ist es als Moderatorin zunächst wichtig, Hänel als Menschen vorzustellen, als Reittherapeutin, Marathonläuferin und fünffache Großmutter. „Man muss sich wehren” „Ich wollte nie Galionsfigur einer neuen Frauenbewegung werden“ , sagt die. Aber sie sagt eben auch: „Man muss sich in so einem Fall öffentlich wehren. “ Das offene Gespräch der beiden Frauen findet ohne Polemik oder Dramatisierungen statt. Es ist klar, differenziert und in der Sache entschieden. „Es ist gut, dass wir wieder über Schwangerschaftsabbrüche sprechen“, betont Hänel im ausverkauften Saal. Die 63-Jährige erinnert sich an ihre Anfänge in Beratungsstellen des Vereins Pro Familia. „Die Situation hat sich seither für Frauen verschlechtert“, sagt sie.

Es falle ihr schwer, sich vorzustellen, wer ernsthaft daran glaube, eine Frau würde leichtfertig abtreiben. Die Perspektive ändere sich fast immer, wenn Menschen plötzlich betroffen seien, so Hänel. Es sei wichtig, sich den individuellen Geschichten zu stellen – sonst könnten schwangere -Frauen nicht zu tragfähigen Entscheidungen gelangen. Hänels Buch schildert Überzeugungen und Erlebnisse seit dem Tag der Anzeige in Tagebuchform. Es macht die politischen Dimensionen des Themas am Alltag deutlich. Im Publikum sitzen auch Hebammen in Ausbildung und Medizinstudentinnen. Ihr Bedürfnis nach fundierter Transparenz ist groß.

Absurde Situation

Hänel betont die Absurdität der Situation: „Jeder in diesem Raum darf über Schwangerschaftsabbrüche informieren, nur ich nicht, weil ich sie durchführe.“ Dabei gehe es doch ums Ganze: „Ohne ein Recht, über seinen eigenen Körper selbst entscheiden zu können, kann es keine Freiheit geben.“

Nicht nur für dieses Fazit erhält Hänel laugen, warmen Applaus.

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