19. Dezember: Rede von Christiane von Rauch

Christiane von Rauch, Kristina Hänel

Rede der Allgemeinmedizinerin Christiane von Rauch auf der Protestkundgebung am 19. Dezember in Gießen

„Ich spreche für die Ärztinnen- und Soli- Initiative zur Unterstützung von Kristina Hänel und alle anderen wegen §219a angeklagten, angezeigten oder abgemahnten Menschen.

Liebe Frauen, liebe Mitmenschen,

Ich stehe hier als Frau und Ärztin, Ich bin entsetzt und aufgebracht.

Ich bin extrem besorgt, und zwar um uns Frauen, um alle Menschen, die das körperliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmungsrecht wünschen und fordern und um ÄrztInnen, die Abtreibungen durchführen; aber auch um den Zustand unserer Demokratie und ihrer Normen angesichts unglaublicher Aktivitäten der rechten Fundamentalisten.

Seit über einem Jahr, seit der Anklage und Verurteilung von Kristina Hänel steht der § 219a – das Verbot der Information ( auch Werbung genannt ) zum Schwangerschaftsabbruch – auf dem Prüfstand.

Nach unzähligen öffentlichen Veranstaltungen, Artikeln und Interviews , Briefen an PolitikerInnen, Stellungnahmen unzähliger Verbände des öffentlichen Lebens, Petitionen etc.etc. — ist klarer und deutlicher denn je, daß der Paragraf §219a abgeschafft gehört.

In keinem anderen Land, existiert ein solches Werbeverbot.

Eine Mehrheit der Bundesbürger-innen und Bundestagsabgeordneten ist für die Streichung des § 219a. Ich möchte hier nicht die Argumente wiederholen, wegen deren wir für die Abschaffung des 219a kämpfen.

Nach langer, seit Herbst übertragener Schwangerschaft hat die GroKo-fantin vor einer Woche gekreisst und geboren:

Und, Hurrah, es ist ein Windei – ein Eckpunktepapier – eine Luftnummer!

Aber nun im Ernst: Zu diesem Papier ist zu sagen:

An die SPD
Aus Koalitionsraison, für den Machterhalt, wollen die SPD – Koalitionäre, den Anspruch und das Recht aller Frauen in diesem Land auf freie Arztwahl und ungehinderte, umfassende und individuelle medizinische Information zu einem Schwangerschaftsabbruch opfern. Dies ist nicht durch Listen zu ersetzen, die es übrigens längst geben müßte.

Da aber das Werbeverbot bestehen bleiben soll, sind Frauen und Ärztinnen in der selben Lage wie zuvor . Wer wird hier eigentlich geschützt? Die Ärztinnen vor Kriminalisierung, Geld- oder gar Gefängnisstrafe oder die selbsternannten Lebensschützer, die ungehindert ihrem Hobby nachgehen können ?

Die Regierungsverantwortlichen der SPD verraten die Frauen, die Ärztinnen, ihre eigene Fraktion und ihre Parteimitglieder, seien es JuSos oder ASF, oder der Landesverband NRW.

Frauengesundheit, Frauenrechte, Selbstbestimmungsrechte, Menschenrechte sollen hier ohne Not geopfert werden. Die Integrität und Unversehrtheit von Ärztinnen und Ärzten, die einen gesetzlichen Auftrag erfüllen, nämlich Abbrüche nach Recht und Gesetz durchzuführen, bleibt ungesichert.

Natürlich wird dieses Papier von der AFD und den meisten CDUlern mit Hurrahgeschrei begrüßt.

Und die SPD tappt sehenden Auges in die Falle der Lebensschützer.

Zur Beratung:

Vor einen Abbruch bis zur 12. Woche hat der Gesetzgeber die Beratung gestellt. Ergebnisoffen soll sie sein, aber mit dem Ziel, dass die Frau das Kind austrägt . Diese Zwangsberatung, ein gesetzgeberisches Unding, wie ich meine, soll gestärkt werden. Abgesehen davon, dass sich hinter diesem Ansinnen eine Missachtung und Abwertung der staatlich anerkannten Beratungsstellen versteckt, wie soll das denn gehen?

Mehr Ergebnisoffenheit würde ja mehr Selbstbestimmung bedeuten, das kann ja wohl hier nicht gemeint sein. Stärkung des Zieles, das Kind zu behalten? Mit einer Gebärprämie etwa ?

Wo bleibt der kostenfreie Zugang zu Verhütungsmittel für Frauen und Männer? Wo bleibt die Stärkung der Beratungsstellen für ihre wachsende Klientel an prekär lebenden Frauen , Kindern und Familien und deren soziale Teilhabe? Wo bleibt die offensive Durchsetzung der Sexualaufklärung für Jugendliche und junge Erwachsene? Das wären geeignete Maßnahmen um unerwünschte Schwangerschaften zu vermeiden.

Die seelischen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs sind hinreichend in nationalen und internationalen Studien untersucht worden.

Sie ergeben übereinstimmend , daß ein Schwangerschaftsabbruch nicht notwendig oder gar als alleiniger Auslöser zu einer psychischen Belastungsreaktion führt.
Natürlich löst ein Schwangerschaftsabbruch Trauer und Verlustgefühle aus, ebenso wie Erleichterung und Befreiungsgefühl, meistens kommt beides zusammen. Trauer, wie auch die anderen Gefühle sind aber keine Krankheit , sondern gesunde Reaktionen, wie sie jeder emotional kompetente Menschen hat.

Zum Lebensschutz

Lebensschutz für das Ungeborene und das geborene Kind ist nur mit der künftigen Mutter denkbar, mit ihrem Willen, ihrer Kraft, ihren persönlichen und sozialen Ressourcen.

Lebensschutz wird gestärkt durch lebenswerte Bedingungen für Mütter und Kinder, Väter und Familien aller Art.

Lebensschutz gelingt nicht mit Druck und Erzeugung von Ängsten und Schuldgefühlen, nicht mit Stigmatisierung und Strafandrohung.

Wir Ärztinnen und alle Frauen wissen, und das ist seit Menschengedenken so:
Egal in welchem Land, unter welcher Regierung, mit welcher Religion sie lebt: eine Schwangere, die aus was für Gründen auch immer eine Abtreibung braucht, wird Mittel und Wege finden, ihn durchzuführen, auch unter Einsatz ihrer Gesundheit und ihres Lebens.

Deshalb ist Zugang zu legalen Abbruchmöglichkeiten eben auch Lebensschutz: für die betroffene Frau, die oft schon Mutter ist, ihre Familie und ihre Kinder.

Mein Fazit ist:

  • Der geplante Gesetzesentwurf ist eine Niete.
    Der Paragraf 219a ist unnütz, schädlich und gehört abgeschafft.
    Er behindert Schwangere auf dem Weg zu einem legalen und medizinisch einwandfreien Abbruch.
  • Er unterhöhlt das Selbstbestimmungsrecht der Frauen und Menschen die schwanger werden können.
  • Er kriminalisiert in unerträglicher Weise Ärztinnen und Ärzte, die eine staatliche und mitnichten leichte Aufgabe erfüllen.
  • Er gefährdet deren persönliche Unversehrtheit , weil er sie angreifbar macht für rechte und fundamentalistische Kräfte.
  • Die geplante Gesetzesvorlage bringt den Frauen und den Ärztinnen keine Verbesserung. Sie verstärkt die Stigmatisierung von Frauen und ÄrztInnen.

Deshalb:

Weg mit dem § 219a, keine Kompromisse!

Ich möchte keine Seiten mehr ansehen müssen – wie Wikimannia oder Babycaust -, in der ÄrztInnen mit Namen und Foto ungestraft als Mörderinnen und Töterinnen bezeichnet werden. Ich möchte nicht mehr hören, dass der Papst AbtreibungsärztInnen als Auftragsmörderinnen brandmarkt, aber in der eigenen Kirche nicht dafür sorgt, das sexueller Mißbrauch verhindert und bestraft wird.
Es ist unerträglich, wenn Frau von Storch von der AFD im Bundestag lauthals verkünden kann, dass Kritiker des §218 Föten im 9. Monat abtreiben oder gar Neugeborene töten lassen wollen.

Es reicht! Wo ist der Aufschrei?

Ich denke, wir stehen an einem Scheideweg, nämlich vor der Entscheidung, ob wir uns den überall in die Öffentlichkeit drängenden rechten, fundamentalistischen Parteien und Umtrieben entgegenstellen oder unsere demokratischen Freiheitsrechte, die mühsam erkämpften Frauen- und Selbstbestimmungsrechte Stück für Stück wieder entreißen lassen wollen.

Lasst uns das mit aller Überzeugung und Kraft verhindern.
Kristina, Nora und Natascha habe diese Entscheidung schon getroffen!

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu 19. Dezember: Rede von Christiane von Rauch

  1. Brigitte Abeln schreibt:

    Ja. Das stimmt alles. Eine sehr gute Rede. Es ist unerträglich, was die SPD macht. Dieser Gesetzentwurf ist kein akzeptabler Kompromiss. Wir brauchen den Paragraphen 219a nicht. Weg damit.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s