Unser „Unwort des Jahres“: Babycaust

AUFRUF

Wir rufen auf, den Begriff „Babycaust“ zum Unwort des Jahres vorzuschlagen.

Begründung

Kristina Hänel wurde am 24. November 2017 vom Amtsgericht Gießen verurteilt für sachliche Informationen auf ihrer Website zum Thema Schwangerschaftsabbruch nach einem Paragrafen, der 1933 zur Diskriminierung und letztlich Beseitigung jüdischer und kommunistischer Ärztinnen und Ärzte geschaffen wurde. Der § 219a ist weit gefasst, somit konnte die Richterin Kristina Hänels Handeln als „Werbung“ für einen Schwangerschaftsabbrüche auslegen.

Die enorme gesellschaftliche Öffentlichkeit, die es im Zusammenhang mit Kristina Hänels Verurteilung gegeben hat, zeigt, dass es sich um ein Thema mit großem allgemeinem Interesse handelt.

Neben dem Blick auf den bei den meisten Menschen bisher unbekannten § 219a StGB wurde die Öffentlichkeit zugleich auf eine Gruppe gelenkt, die bisher meist nur den Ärzten und Ärztinnen, die Abbrüche durchführen und allenfalls den von ungewollter Schwangerschaft betroffenen Frauen bekannt war: die sogenannten Abtreibungsgegner. Immer wieder gelangen Menschen, die sich durch die Plattform change.org oder durch die Mitteilungen in Presse, Funk und Fernsehen mit dem Thema beschäftigen, gehen, auf deren Homepage „www.babycaust.de“.

Die Betreiber der Website werfen Kristina Hänel und ihren Kolleginnen und Kollegen seit Jahren und Jahrzehnten vor, sie würden „babycaust“ betreiben. Die ständigen Anfeindungen sind einschüchternd. Der Vorwurf, „babycaust“ zu betreiben, ist aber auch verletzend und demütigend. Der Holocaust ist und bleibt eine tiefe Wunde der gesamten Gesellschaft. Ebenso ergeht es jeder – ungewollt schwangeren – Frau, aber natürlich auch allen anderen Ratsuchenden und Interessierten, die auf der Suche nach Adressen für Ärzte und Ärztinnen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, auf dieser Website landen – unweigerlich, wenn sie einschlägige Begriffe in Internetsuchmaschinen eingeben. Sie sind plötzlich konfrontiert mit dem Eingangstor von Auschwitz und erfahren, dass Schwangerschaftsabbrüche ein noch schlimmeres Verbrechen sein sollen als der Holocaust. Das muss auch jeder und jeden Holocaust-Überlebenden, tief bestürzen: Die Qualen, die sie erlitten, die Verbrechen der Nazis, die Millionen Ermordeten werden mit einem Schwangerschaftsabbruch verglichen. Notleidende Frauen und Medizinerinnen werden mit Massenverbrechern gleichgesetzt.

Die Bezeichnung „babycaust“ erfüllt die Kriterien als Unwort des Jahres. Der Begriff und seine Bedeutung dahinter verstoßen gegen das Prinzip der Menschenwürde. Er verharmlost die systematische Vernichtungsindustrie der Nazis. Jede und jeder einzelne Ermordete, jede und jeder Holocaust-Überlebende wird dadurch verhöhnt.

Der Begriff „babycaust“ verstößt auch gegen Prinzipien der Demokratie:

Die sogenannten Abtreibungsgegner nutzen den §219a StGB für sich und ihre wirre Ideologie, weil sie eine Deutungshoheit erlangen, weil nach dem § 219a nicht seriös und sachlich informiert werden darf!

Es ist perfide, dass 73 Jahre nach Kriegsende aber unseriöse, menschenverachtende und Holocaust-relativierende Propaganda geschehen darf.

Der Begriff „babycaust“ denunziert und diskriminiert die Gruppe der Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. In Folge erhalten Kristina Hänelh und weitere Ärztinnen und Ärzte u.a. Briefe, die mit Ermordung drohen. Solche Leute nennen sich dann auch „Lebenschützer“ – ein Widerspruch in sich!

Der Begriff „babycaust“ ist zudem euphemistisch, verschleiernd und irreführend: Er suggeriert, bei der Leibesfrucht bzw. dem Embryo (offizieller Begriff bis zur 12. Schwangerschaftswoche) handele es sich bereits um einen Menschen, bzw. ein Kind. Die Debatte darum wird gesellschaftlich weitergeführt, aber wir sprechen aus guten Gründen zunächst von einem Embryo, dann von einem Fötus – und nach der Geburt von Baby/Kind/Mensch.

Wir ersuchen aus diesen Gründen, den Begriff „babycaust“ zum Unwort des Jahres zu erklären.

Bis zum 31. Dezember 2017 kann der Vorschlag eingereicht werden bei

vorschlaege (at) unwortdesjahres.net

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3 Responses to Unser „Unwort des Jahres“: Babycaust

  1. Avatar von Marianne Di Rosa Marianne Di Rosa sagt:

    Mein Bauch gehört mir !

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